Der Auftrag

(Die Erzählung "der Auftrag" entstand zum 25- jährigen Jubiläum der Veranstaltung "zuerilittéraire" in Zürich. Texte aus der entwürfe-Spezialausgabe zum Jubiläum wurden dabei vom Schauspieler Thomas Sarbacher gelesen.audiosfile zum downloaden hier. )

 

 

 

 

MAN HABE IHN angefragt (oder mehr noch, sogar beauftragt) zum fünfundzwanzigsten Jubiläum – zum Ehejubiläum – eine Rede zu halten. Und er schien, während er dieses sagte sichtlich bekümmert. Was soll einer wie ich, dem die Ehe und demzufolge auch jedes Ehejubiläum als ei- ne Unsinnigkeit vorkommt, zu einem fünfund- zwanzigjährigen Ehejubiläum denn zu sagen haben. Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich jedes Mal, wenn er das Wort Ehejubiläum aus- sprach, um einiges mehr. Selbst wenn es am Beginn die sogenannte Liebe ist (die GROSSE Liebe sagt man meinte er, die GROSSE Liebe), so lebt man hinterher (also nach der Heirat) allerdings allein und einsam seine Lebensjahre herauf. Jeder für sich. Der Mann lebt nach ei- ner Heirat in nichts als in SEIN Leben und in SEINE Lebensjahre hinein und die Frau lebt nach einer Heirat in nichts als in IHR Leben und in IHRE Lebensjahre hinein. Und die Le- bensjahre herauf bis ins Alter. Bis in den Tod. Nebeneinander, sagte er. Nebeneinander ... Bis in den TOD. Oder bis zur SCHEIDUNG. Eine Farce sei es, so er, daß sich nicht wenige nur deshalb scheiden ließen, um hinterher eine andere Person heiraten zu können. Und wiederum wird behauptet, wie glücklich man sei. Gemeinsam glücklich. Eine glückliche Verbin- dung. Auch die beiden, zu deren fünfundzwan- zigstem Ehejahr ich (ausgerechnet ich, sagte er, ausgerechnet ich ...) eine Rede zu halten habe, behaupten dergestalt Unsinniges.
Und die senkrechte Falte auf der Stirn über seiner Nase wurde zu einer tiefen senkrechten Falte auf der Stirn über seiner Nase. Wir sind glücklich, behaupten die beiden, gemeinsam glücklich. Wir erleben das Glück aneinander, behaupten die beiden. Und die Frau sagt (wenn sie sich sicher ist, daß ihr Mann dieses nicht hö- ren kann), daß er ja nie zu Haue sei. Keinen Tag sei er zu Hause. Keinen Abend. Zu Hau- se. Das Berufsleben fresse die ganze Freizeit ihres Mannes. Seine Geschäftigkeit (gelegent- lich sagt sie sogar, seine Karrieresucht), die fresse ihn auf. Und der Mann sagt (insofern er die Frau nicht in seine Nähe weiß), daß er die- sem oder jenem Mann die Frau neidig sei. Dem Paulitsch seine Frau zum Beispiel, die sei er dem Paulitsch neidig oder dem Wernbacher seine Frau, die sei er dem Wernbacher neidig usf. Er, der Mann zweifellos a fescher Kerl wie man in Wien zu sagen pflegt, und sie, die Frau, eine Schönheit (immer noch eine Schönheit, nach all den Jahren).
Der fünfundzwanzigjährige Ehehimmel ist in Wahrheit nichts als eine fünfundzwanzigjährige Ehehölle. Aus der Ehehölle heraus ist stets von einem Ehehimmel die Rede. Gedankenlos sei er ihr gegenüber, völlig gedankenlos, sagt sie, die Frau (wenn sie sich sicher ist, daß ihr Mann solches nicht hören kann). Hilflos sei sie im Grunde, hilflos, sagt er, der Mann (insofern er seine Frau garantiert nicht in seiner Nähe weiß). Sie habe ihn nicht nötig, sie sei sich gut genug, so sie. Er dürfe sie nicht im Stichlassen ohne ihn ginge sie unter im Lebensstrom ohne ihn ersaufe sie am Leben, so er. Am Abend mit ihr alleine zu Hause, das sei nicht auszuhalten, meint er. Und sie meint: Ist er am Abend ein- mal zu Hause, mache er sie nichts als nervös. Und sie fürchte und verabscheue es, nein ... hassen, hassen würde sie es, wenn sie nervös werde. Sie: Die sinnlosesten Anlässe besuche er; wobei er in seiner Anlassbesuchswut nicht mehr zwischen sinnvollen Anlässen und sinn- losen Anlässen also zwischen den Besuchens- werten Anlässen und jenen unter keinen Um- ständen als besuchenswert einzustufenden Anlässen zu unterscheiden vermag. Er: Ausschließlich jene Anlässe bevorzuge sie, von denen sie genau wisse, dass er sie nicht leiden
möge ja ... diese geradezu verabscheue. Dort wolle sie hin. Immer nur dort hin. Und an dem Ärger, der in ihm – hervorgerufen durch ihre unsinnige Auswahl – aufsteige, weide sie sich geradezu. Sie: Seine Ausreden seien ihr eine Schrecklichkeit. Stets habe er eine Ausrede pa- rat. Eine Ausrede für dies. Eine Ausrede für das. Dieser Mann setze sich aus Ausreden zu- sammen. Die personifizierte Ausrede sei er. Eine einzige Ausrede. Er: Frigide wäre sie. Ja- wohl ... Frigide. Und wenn sie einmal zum Beischlaf bereit sei und wenn man dann den Beischlaf vollzöge, vollzöge sie ihn lieblos. Er habe das Gefühl als ließe sie den Beischlaf über sich ergehen wie eine an der Sache Unbeteilig- te. Sie: Er will doch nur mehr äußerst selten. Und wenn er wolle, sei es schnell wieder vor- bei. Er habe es eilig. Und lustlos sei er obendrein. Lustlos und schlaff.
Eigentlich möchte ich lieber nicht. Wiederholte Anfragen jedoch haben am Ende meinen be- sten Vorsatz verschlissen. Einige Zeilen zu die- sem Glück, zu der Glückseeligkeit, war ihm gesagt worden, meinte er. Es bräuchten nur ei- nige Zeilen zu sein. Eine kurze Rede. Allerdings eine Rede von ihm. Selten war er mir be- drückter erschienen als an diesem Tag. Hätte man ihn gebeten, über die Vorzüge des Lebens alleine (ein Leben im Einzelhaushalt) eine Rede zu halten oder einen Bericht zu verfassen, wäre ihm dieses zur größten Freude gereicht, sagte er. Einen Bericht eine Rede zum Alleinsein sei ein freudvolles und ihn zufriedenstellendes Un- terfangen. Solches wäre ihm gewissermaßen leicht von der Hand gegangen, so er. Woran mag es liegen, dass man ausgerechnet ihm das Vertrauen geschenkt hat, ausgerechnet ihm, sagte er, ihm, der ich jedes einmal in ihn gesetz- te Vertrauen allzeit zu enttäuschen verstehe.
Laut war es um uns herum. Der Schall flog uns hoch gepegelt an die Ohren. Ja...Laut war es, um nicht zu sagen besonders laut. Und auch draußen auf der Straße – 9th Street / Corner of 2nd Avenue – war es laut. Wir hatten uns ver- abredet. Hier im Restaurant VESELKA. Im- mer verabreden der Sagmeister und ich uns – wenn wir uns verabreden – im VESELKA. Und wir verabreden uns stets zu einer Tages- zeit in welcher es im VESELKA eigentlich an- genehm ruhig ist. An diesem Tag war es kei- neswegs angenehm ruhig. Obwohl wir uns für die angenehme, ruhige Zeit – wie wir meinten – verabredet hatten. Der Sagmeister hatte die Kaffeeschale hochgehoben und getrunken. 5 Mehrmals hintereinander. Und die Schale wie-
der niedergestellt. Diese senkrechte Falte auf seiner Stirn, die hatte ich bislang noch nie als eine dermaßen tiefe und dunkle senkrechte Falte empfunden. Der Morgen war grau. Die Wolkendecke heruntergesackt. Der ganze Tag sollte ein grauer Tag werden. Es regnete. Ein ununterbrochenes Getrommel auf den Ober- flächen der Blechtische draußen. Und immer wieder warfen sich Windböen gegen die Schei- ben. Und mit den Windböen die Wassertrop- fen; wie in einer Zeitlupenaufnahme rutschten diese dann nach Unten oder gerannen, um als feines Rinnsal über die Glasfläche zu mäan- dern. Wir ließen uns neuen Kaffee nachschen- ken und lobten einmal mehr das vorzügliche Frühstück hier im VESELKA.

 

27/28 April. 2010
Restaurant Café Veselka New York 144 2nd Avenue / E 9th Street