Rezensionen zu "Greiner"

Die Standard Rezension zu Heinz D. Heisl, Greiner

Ausschnitt: "Heinz D. Heisl schafft nicht nur eine originelle Variante des bekannten Themas, sondern auch eine genüssliche Schimpfkanonade und ungewöhnliche Einblicke: "Ich schaute wieder hinaus. Unbeschrieben gebliebene Bilder setzten sich fort. Eins stürzte ins andere. Da und dort schleppte eine Figur auf dem Bürgersteig meinen Blick mit sich." Schreiben heißt nicht scheitern, dachte ich bei der Lektüre von Heisls Roman, der hintergründig einen Erzählbogen um so Unterschiedliches wie einen Tempelbesuch in Japan, das deutsche Verlagsunwesen und eine österreichische Existenz schafft. (Klaus Zeyringer, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 24./25./26.09.2009)
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Rezension GREINER von Wolfgang Moser www.sandammeer.at

Vom wortzerfleischenden Selbstzweifel zur wortzweifelnden Selbstzerfleischung

Vorweg zwei Empfehlungen, eine an den Leser, die andere an den Verlag:

"Greiner", der wortgewaltige Anklageroman eines sein Schreiben und sich selbst aufgebenden Literaten, ist laut zu lesen, um auch den Klang aller Sprachkreationen und Wortverdichtungen des ausgebildeten Musikers Heinz D. Heisl zu genießen.

Der Verlag möge deshalb den vollen Lese- und Hörgenuss auch jenen erleichtern, die das tirolerische Sprachkolorit eines Innsbrucker Icherzählers selbst nicht verwirklichen können, und "Greiner" als Hörbuch mit einem als Tiroler erkennbaren Sprecher herausgeben - ein Sprecher mit nördlich-deutschem Akzent müsste sonst "für die Großmacht und Großmächtigkeit des deutschen Literaturmarktes" (Seite 150) den Text verdeutschen, eindeutschen und zuschneiden - eine "ver- und also zerbissene Literatur" (Seite 149).

Heinz D. Heisl, der Tiroler Virtuose der Alliteration und Wortkomposition, hat einen autobiografisch beeinflussten Roman verfasst, in dem er alles, was einen Menschen und Literaten prägt, verdichtend vernichtet: die Herkunft aus Tirol, Aufenthalte in Wien, Familie, Ausbildung, die Schriftstellerkollegen, vor allem die deutschen Verlage und ihr Umgang mit österreichischer Sprache und Literatur.

Für Konrad Greiner, den jammernden, also greinenden, Erfolgsautor auf Lesereise in Japan, gilt sein gesamtes Vorleben nichts mehr, er trennt sich unnachgiebig, unbeeindruckt und unwiderruflich von eigenen Erfolgen von der "Tonfolgenerzeugungsmannschaft, der Tonfolgenerzeugungsfrauschaft, der Sprachniederbringungsgemeinschaft, der Wortmaschinistenmannschaft und Wortmaschinistenfrauschaft" (S. 10).

Greiner verbringt einen ganzen Tag in einem Café in Roppongi, dem Vergnügungsviertel von Tokyo, entsorgt dort nach eingehender Lektüre - als Texte im Text - Romanskizzen und fertige kurze Prosawerke im Müll, scheitert an den selbst erlebten, selbst ausgelebten und selbst erwählten Gegensätzen. Weder im harten Innsbruck noch im weichen Wien, nicht im österreichischen Autorenkreis, nicht im deutschen Verlagswesen findet der Autor Ruhe vor den "Dichtungsgarantinnen und Dichtungsgaranten" (Seite 15), die schon den Dichtungsgrant anklingen lassen.

Auch sprachlich wechselt er in der Anrede und Anklage an sich selbst zwischen ich und du, schwenkt seinen Blick zwischen der Straße vor dem Café und drinnen, reist in Gedanken von Japan zurück nach Europa und wieder nach Roppongi. Nicht alles lässt sich diametral auflösen; so wie die Gedanken zwischen den Polen hin und her wandern und dabei Neues kreieren, ist auch die Sprache nicht eindeutig österreichisch, pendelt zwischen "war ... gestanden" (Seite 24) und "das Polster" (Seite 25) innerhalb weniger Seiten zu "gestanden hatte" (Seite 37) und "am Mittag" (Seite 119). Dazwischen, wie auf der Suche nach neuem, noch freien und ungebrauchten Wortdichtungsmaterial, erscheinen japanische Phrasen - der Segen des Nichtverstehens - aus einem Sprachführer, der schließlich wie die Texte aus dem "Fettwortwurstkessel" (Seite 9) mit den geleerten Papierbechern im Müll landet.

Konrad Greiner alias Heinz D. Heisl führt wort- und klangbetonte Literatur zu einem üppigen Höhepunkt, um sie gleichzeitig kreativ zu dekomponieren. Der Roman ist ein Leckerbissen für alle, die Freude an der Suche nach dem wörtlichen Leben und dem Lebenssinn in der Sprache haben.

(Wolfgang Moser; 02/2010)


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Rezension und Interview mit Heinz D. Heisl in der Tiroler Tageszeitung

Ausschnitt TT vom 17.10.2009

TT: Es kommen auch Kollegen von Ihnen vor, die die Straßenseite wechseln, wenn Sie sich sehen. Wer könnte sich betroffen fühlen?
Heinz D. Heisl: Die potenziellen Adressaten lesen meine Texte nicht, da habe ich keine Sorge. Es sind im Text Insiderinfos eingewoben. Sollte der Betroffene das Buch lesen, könnte er an der einen oder anderen Stelle sagen, das könnte auch ich sein. Aber er wird sofort sagen, so etwas mache ich nicht.
TT: Bei meiner Vorrecherche bin ich auf Raoul Schrott gekommen. Wer ist der zweite?
Heinz D. Heisl: Es gibt ja brei den Autoren die N.Gs.
TT: Norbert Gstrein.
Heinz D. Heisl: Der Einfall war, dass der Raoul Schrott den Norbert Gstrein abgrundtief gehasst hat. Aber es fühlen sich auch in der Schweiz und Deutschland Leute erkannt.

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Rezension GREINER von Florian Braitenthaller / Forschungsinstitut Brenner-Archiv

„Du hättest dich niemals darauf einlassen dürfen. Nie und nimmer. Ich atmete durch. Atmen. Atmen. Nie hättest du schreiben sollen. Niemals auch nur eine Zeile. Einatmen. Ausatmen.“ Ein beinahe 60-jähriger Mann, ehemaliger Komponist und Schriftsteller, sitzt einen ganzen Tag lang im „Excelsior Caffé“ in Tokyo und lässt seinen Gedanken freien Lauf. Wie seinerzeit Thomas Bernhards Schriftsteller in „Holzfällen“ gibt sich in Heinz D. Heisls Roman „Greiner“ die Figur des Konrad Greiner dem Beobachten und Sinnieren hin. Seine Erinnerungen und Reflexionen sind durchmischt mit vom jeweiligen Standort aus getätigten Beobachtungen japanischen Alltagslebens: im Lokal, auf der Straße, von der ihn nur die spiegelnde Glasscheibe des Lokals trennt. Wie bei Bernhard ist die Sprache rhythmisiert, sind die Sätze kunstvoll und kompliziert ineinander verschachtelt, werden die Dinge schonungslos beim Namen genannt, wird die Verdorbenheit und Schlechtigkeit der Menschheit im Allgemeinen und des Erzählers im Besonderen zur Sprache gebracht. Was dem einen Wien, ist dem anderen Innsbruck. So ähnlich ist Heisl dem Bernhard’schen Duktus des Formulierens, dass sich beim Lesen die Frage aufdrängt, was es mit dieser Ähnlichkeit auf sich haben mag. Schöpfen beide Autoren aus den Quellen einer musikalischen Schreiblust, die ihnen einen verwechselbaren Stil aufdrängt?

Greiner ist eine Kunstfigur, eine literarische Gestalt, die sich Bernhard’scher Topoi bedient, stilistisch wie inhaltlich: ausgefeilte Satzperioden, lautlich-musikalisch organisierte Textgewebe, Konzentration auf Komposition und Stil, die Kenntnis der Musik, die Liebe zur Philosophie, alles, was bei Thomas Bernhard vorkommt, entfaltet Heisl mittels Greiner vor unseren Augen und erschafft so eine Figur, die sich aus biografischen Elementen Bernhards ebenso zusammensetzt wie aus Charakteren in dessen Romanen. Dabei handelt es sich keineswegs um eine Parodie. „Scheiße, ein Wort, welches ich niemals schreiben würde, nein…, nein…, Scheiißße, neiin, sonna koto da, niemals, dachte ich, würde ich Scheiße schreiben. Und sollte ich das, was ich soeben denke, aufschreiben, dachte ich weiter, und alles momentan Gedachte und Notierte publizieren lassen, so würde man – nachdem man es gelesen, oder sagen wir, überflogen hätte – zu sagen wissen, dass man das Ganze bereits kenne, solches hätte ja der… und, na ja…, jener also, und, genau so…, und zur Genüge, gütiger Gott, zur Genüge.“

Greiner ist am Ende, sein Existieren ist ein melancholisches Herumtasten. Trotz des Erfolgs, den er sowohl mit seinen Kompositionen wie mit seinem Schreiben verbuchen konnte, traut er seinen Hervorbringungen nicht, hält sie vielmehr für wertlos und hat sich vorgenommen, nichts mehr zu schreiben. Die Konstruktion ist eines Thomas Bernhard würdig: Denn der Text, den wir lesen, ist der von einem Autor namens Heisl geschriebene, jedoch von einer Figur namens Greiner gesprochene bzw. gedachte Text, den genau dieser, Greiner, niemals zur Veröffentlichung freigeben wollte. Fazit: Indem der Autor den inneren Monolog Greiners publiziert, betrügt er seine Figur.

Der Text hat etwas Katholisch-Litaneihaftes, einen Rhythmus, der immer wieder durch kurze Einsprengsel von japanischen Wörtern unterbrochen wird, was ihm eine spröde Fremdheit verleiht, zu der aber auch griechische, lateinische, polnische, englische Sätze beitragen. „Der Komplizenschaft eines Schreiber- und Schreiberinnengesindels und Verleger- und Verlegerinnengesindels ausgeliefert habe ich mich, dachte ich auf dem Hocker, und dachte, dass die Geistesnatur aller Verlegenden, wie auch die Geistesnatur aller Schreibenden, und also naturgemäß auch die meine, die eigene Geistesnatur eine bis ins Letzte hinein verdorbene Geistesnatur sei, eine Geistesverluderung.“ Greiner liebt es, Wortungetüme, monströse Wortkonglomerate zu kreieren („Bergwaldfelsgratgipfelabhänge“), vergisst aber nie zu gendern. Es ist ein radikales, schonungs- und rücksichtsloses, detailgetreues Beschreiben und Beobachten, bis hin zu sexuellen Handlungen, rein deskriptiv. Die Erinnerungen an seine Biografie, seine Familie beschäftigen Greiner, vor allem die Erniedrigungen, die Qualen seiner Vergangenheit. „Wie meinte doch B: ‚Im Grunde existiert nur, was uns gequält hat.‘ Die Wohnung in Saggen habe ich dann gekauft, um meine Ruhe zu haben und um mich, wie ich heute weiß, einem anderen Betrieb und einer anderen mit diesem Betrieb verbundenen Verzweiflung entgegenzuschreiben.“

Heinz D. Heisl lässt mit Greiner 20 Jahre nach dem Tode Thomas Bernhards eine bernhardeske Kunstfigur erstehen, und wirft mit ihr einen „bernhardesken“ Blick auf das aktuelle Zeit- und Literatur(betriebs)geschehen. „Greiner“: Das ist eine letztlich gelungene Hommage, die sich auf sehr schmalem Grat bewegt und bis zum letzten Satz nicht abstürzt. Trotz einer scheinbar durchschaubaren Offensichtlichkeit birgt dieser Text ein Geheimnis, das er nicht freigibt. Bis zum Schluss.

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